Filmrisse - ein Ausstellungsprojekt (2002)

Mit der öffentlichen und sich über nunmehr zehn Jahre hinziehenden Diskussion über das Holocaust-Mahnmal droht in Vergessenheit zu geraten, dass es in Berlin sehr viele Denkmale gibt. Diese thematisieren auf sehr vielfältige Weise die Diskriminierung, Ausgrenzung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der Berliner und europäischen Juden.

Wir wollen mit diesem Projekt dazu beitragen, einen Einblick in die Wirklichkeit im Umgang mit der Erinnerung zu geben. Der Versuch, Alltag mit Erinnerung nach dem Nationalsozialismus zu begreifen und aktiv zu gestalten, kann nur gelingen, wenn sich eigene Verantwortung einstellt. Erst die Möglichkeit, sich auf die emotionalen, geschichtlichen und psychischen Strukturen des Nationalsozialismus einzulassen, schafft ein Gespür dafür, wie notwendig eine aktive Auseinandersetzung mit Erinnerung in Verantwortung für die Geschichte ist.

Das Werkstattprojekt hat dokumentarischen Charakter. An ausgewählten Beispielen werden exemplarisch Umgangsformen mit der Erinnerung aufgezeigt, die in ihren Inhalten und Aussagen diskutiert werden sollen.

Das Zentrum der Werkschau bildet die Ende der 90ger gezeigte Ausstellung "Stumme Zeugen" des Fotografen Erich Hartmann, der 50 Jahre nach der Befreiung die Orte des Massenmordes in ihrem aktuellen Zustand dokumentiert hat. Hartmann, der 16jährig 1938 mit seiner Familie aus Deutschland nach New York emigrieren konnte, verstarb 1999. Im "Zeit Magazin" (Nr. 47, 11.94) heißt es über seine "Photographien aus Konzentrationslagern": "Die Betrachter spüren: Das ist ein Hauch, ein noch übrig gebliebener Hauch aus dieser Welt der Tötungswut". "tacheles reden! e.V." und "haGalil-online" konnten im Oktober 2002 diese Bilder vom bisherigen Besitzer, dem Bleicher-Verlag, erwerben.


Ziele der Werkschau:

Der Umgang mit der Erinnerung im Sinne der Verantwortung für Krieg, für die Shoa, für den gelebten Nationalsozialismus, für den auch heute wieder zunehmend offen gelebten Antisemitismus, für die Auslöschung der demokratischen Spielregeln und ein menschenverachtendes Miteinander ist auch heute verpflichtend für die Zukunft.

Die Ausstellung "Stumme Zeugen" wird den heute öffentlich sichtbaren Erinnerungsformen in Berlin gegenübergestellt, die Michael Eun und Iris Weiß in ihrer Ausstellung "Denkmale über das Leben von Juden in Berlin und deren Vertreibung und Ermordung" abbilden. Auf diese Weise wird eine Voraussetzung geschaffen für eine Auseinandersetzung im Dialog über die verschiedenen Erinnerungsformen und deren Verarbeitung.

Die uns allen bekannteste Form des Erinnerns ist die der Gedenktafel. Die jeweilige künstlerische Interpretationsweise und der zwangsläufig knapp gehaltene Text der Tafeln lassen eine ausführliche Information in diesem Medium einfach nicht zu. Emotionale Berührtheit ist bei dieser Form kaum möglich. Dieser Effekt soll durch die Kombination der Hartmann-Fotos mit der Dokumentation von Eun und Weiss verhindert werden: Wir führen damit auf die wesentliche Frage von Erinnerung zurück und vermeiden das Abgleiten in ästhetische oder politische Randfragen der Erinnerungskultur.

Gefragt werden soll im Begleitprogramm nach Ausdrucksformen der Erinnerung, die Inhalte des Geschehenen transportieren können. Die historische Aufarbeitung der deutschen politischen Erinnerungsarbeit soll parallel geleistet und im Rahmenprogramm vorgestellt und diskutiert werden. Die gemeinsame Ausstellung soll als Wanderausstellung konzipiert werden, um sie in den Berliner Bezirken und dann bundesweit einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Gleichzeitig wird die Ausstellung digitalisiert als Dauerausstellung im Internet zu sehen sein. Über Zeit und Raum hinaus bieten sich damit langfristige, auf Nachhaltigkeit zielende interaktive Arbeitsmöglichkeiten zum Thema, die etabliert, dokumentiert und weitergeführt werden sollen.


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