Offener Brief für die Einstellung von Ermittlungen gegen jüdische Partisanen

Seit Anfang dieses Jahres ermittelt die Staatsanwaltschaft in Litauen gegen ehemalige jüdische Partisaninnen und Partisanen, die während des Zweiten Weltkriegs gegen die deutsche Besatzungsmacht gekämpft haben.

Die Behauptung der Staatsanwaltschaft, daß »Hunderte Zeugen befragt wurden«, täuscht über die Tatsache hinweg, daß ausschließlich jüdische Namen in den Medien auftauchen, vor allem die von Yitzhak Arad, Fania Brantsovsky und Rachel Margolis. Sie werden in Zusammenhang mit Partisanenaktionen genannt, bei denen litauische Zivilisten umgekommen sind und als deren Urheber die Justizbehörden »Terroristen« und »Mörder« ausgemacht haben. Dies legt die Vermutung nahe, daß die Ermittlungen darauf ausgerichtet sind, die öffentliche Meinung in Litauen dahingehend zu beeinflussen, daß primär Juden für die litauischen Opfer von Partisanenaktionen verantwortlich sind. Auf diese Weise soll die antisowjetische bzw. antirussische Stimmung in Litauen eine antijüdische Stoßrichtung erhalten.

Es sei daran erinnert, daß die jüdischen Antinazipartisanen zuvor Gefangene in den Ghettos waren, die von den deutschen Besatzern und ihren litauischen Kollaborateuren eingerichtet wurden; sie kämpften bewaffnet gegen die nationalsozialistische Herrschaft in autonomen jüdischen Gruppen oder sowjetischen Partisaneneinheiten und trugen damit zum Sieg der alliierten Streitkräfte gegen Nazideutschland bei.

Aktuell wird in den Massenmedien bewußt das negative Image jüdischer Partisanen konstruiert. Medien und Justiz bedienen sich dabei des gleichen Stereotyps, das in den Jahren der deutschen Besatzung der massenhaften Beteiligung von Litauern am Massenmord an der jüdischen Bevölkerung zugrunde lag: Juden werden mit Kommunismus, dem sowjetischen System und sowjetischen Partisanen identifiziert.

Demgegenüber wird gegen die litauischen Kollaborateure der deutschen Besatzer, die für die Ermordung von 220000 Juden in den Jahren 1941 bis 1944 mitverantwortlich sind, nicht ermittelt. In den 18 Jahren der Unabhängigkeit Litauens ist kein einziger Nazikollaborateur belangt worden.

Die litauische Staatsanwaltschaft steht offenbar unter politischem Druck. So wurde Fania Brantsovsky aufgrund der Anfrage eines Abgeordneten der Vaterlands-Partei zur Ermittlungsbehörde vorgeladen. Die Tatsache, daß die vom Präsidenten der Republik Litauen gegründete »Internationale Kommission zur Ermittlung von Verbrechen des nationalsozialistischen und des sowjetischen Okkupationsregimes in Litauen« ihr eigenes Mitglied Yitzhak Arad und die anderen jüdischen Antinazipartisanen nicht öffentlich verteidigte, ist äußerst befremdlich.

Offensichtlich wird derzeit in Litauen in einer antisemitischen Stimmungsmache die Geschichte des Holocaust umgeschrieben, und die ehemals Verfolgten werden als Täter verdächtigt.

Wir fordern, die Verfolgung ehemaliger jüdischer Partisanen sofort einzustellen!

Die Europäische Kommission sollte ihren Entschluß, Vilnius, die Hauptstadt Litauens, zur Kulturhauptstadt 2009 zu erklären, überdenken. Einem Land, in dem antisemitische Stimmungsmache in Politik, Justiz und Medien derart breiten Raum einnehmen kann, steht eine solche Auszeichnung nicht zu.

Erstunterzeichnerinnen:

Dr. Franziska Bruder (Historikerin, Berlin)
PD Dr. Susanne Heim (Historikerin, Berlin)
Dagi Knellessen (Erziehungswissenschaftlerin, Berlin)
Dr. Gudrun Schroeter (Literaturwissenschaftlerin, Berlin)

Der offene Brief soll noch im September dem litauischen Botschafter in Berlin, dem deutschen Botschafter in Litauen und dem Europaparlament zugesandt werden. Unterstützungsunterschriften mit vollem Namen, Wohnort, Berufsbezeichnung bzw. mit der Angabe der Institution oder Organisation bitte an: Offener-Brief.Litauen@gmx.de


» direkt eintragen beim Arbeitskreis Konfrontationen Berlin (mit Unterschriftenliste, weiteren Informationen sowie einer englischen Fassung des Aufrufs)

__________________________________________________________________________________________

Seminar "Familiengeschichte(n)" am 14./15.06.08

Ein Wochenendseminar zur familienbiografischen Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust

am 14. und 15.06.08 in der Alten Feuerwache, Berlin-Kreuzberg


Auch nach über 60 Jahren sind der Nationalsozialismus und Holocaust prägende geschichtliche Ereignisse, die sich bis heute auf die nachfolgenden Generationen auswirken. Dies gilt nicht nur für die Nachkommen von Überlebenden, sondern - wenn auch auf völlig andere Weise - auch für die Familien von NS-Täter/innen, -Unterstützer/innen und -Mitläufer/innen. Die Geschichten, die in der Familie über diese Zeit erzählt werden, stimmen jedoch häufig nicht mit dem Geschichtswissen überein, das in Forschung, Medien und Schule vermittelt wird. Eine bewusste und kritische Auseinandersetzung mit diesen Geschichten sowie den Mechanismen intergenerationeller Tradierung ist eine wichtige Voraussetzung dafür, sich aus diesen Strukturen zu lösen und - im Wissen um die Geschichte der eigenen Familie - Verantwortung für Gegenwart und Zukunft zu übernehmen.

Im Anschluss an unsere gleichnamige Film- und Lesereihe vom 06.02. - 26.03.08 im "babylon berlin: mitte" möchten wir allen Interessierten die Möglichkeit geben, sich gemeinsam mit Anderen im Rahmen eines Wochenendseminars mit der Geschichte der eigenen Familie zu beschäftigen. Wir wollen einen Raum schaffen für die Reflexion der Familiengeschichten der Teilnehmenden, des innerfamiliären Umgangs mit der Vergangenheit sowie der eigenen Rolle darin. Arbeiten werden wir mit kreativen Methoden aus dem Bereich der politischen Bildung. Darüber hinaus geben wir Anregungen für die Befragung von Familienangehörigen sowie eine Einführung in die Archivrecherche. Das Seminar steht auch allen Interessierten offen, die keine der Veranstaltungen unserer Reihe besuchen konnten.

Alle weiteren Informationen finden Sie » hier (PDF, 127 KB).

__________________________________________________________________________________________

Film- und Lesereihe: Familiengeschichte(n) - Eine Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust

Vom 06.02. bis 26.03.2008 führt tacheles reden! in Kooperation mit dem Kino babylon berlin:mitte eine Veranstaltungsreihe zur filmischen und literarischen Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust durch. Immer mittwochs um 19:30 Uhr präsentieren wir Filme und Bücher, in denen sich Angehörige der zweiten und dritten Generation aus unterschiedlichen Perspektiven mit ihren Familiengeschichten und mit dem familiären Umgang mit diesen Geschichten beschäftigen.

Im Anschluss an die Filme und Lesungen stehen die Filmemacher/innen bzw. Protagonist/inn/en und die Autor/innen für eine Diskussion mit dem Publikum zur Verfügung. Unsere Gäste sind Ronny Loewy (Deutsches Filmmuseum/Fritz Bauer Institut), Viola Roggenkamp, Peter Finkelgruen, Ute Scheub, Michaël Gaumnitz, Alexandra Senfft, Katrin Himmler und Malte Ludin.

» Mehr lesen


Unterstützt durch:                                                           Medienpartnerin:

                            

__________________________________________________________________________________________

Stellungnahme zu den Vorwürfen gegen unsere Publikation "Woher kommt Judenhass"

Mit unserer Publikation, die 2007 im Verlag an der Ruhr erschienen ist, stellen wir interessierten PädagogInnen Konzepte, Methoden und Materialien für die schulische und außerschulische politische Bildung gegen Antisemitismus zur Verfügung. Wir möchten damit engagierte LehrerInnen und Fachkräfte der außerschulischen Bildung darin unterstützen, auf vielfältige Art und Weise gegen antisemitische Stereotype und Welterklärungen anzugehen.

Unsere Methodensammlung ist in Artikeln und Diskussionsbeiträgen auf dem Internetportal haGalil heftig kritisiert worden. Im Folgenden werden wir auf die wesentlichen inhaltlichen Kritikpunkte reagieren.

Die Anleitung zur Methode "Die Matthäus-Passion", welche für eine Auseinandersetzung mit christlichem Antijudaismus anhand des gleichnamigen Werkes von Bach eingesetzt werden kann, enthält einen schwerwiegenden Fehler: Die zu Recht kritisierte Textpassage kann leider leicht so gelesen werden, dass sie den uralten antijüdischen Vorwurf des Christusmordes bestätigt, statt ihn - wie es selbstverständlich unsere Absicht war - zu dekonstruieren. Dieser Sinn entstellende Fehler wird vom AutorInnenteam und dem Verlag korrigiert. Die überarbeitete Methode werden wir in Kürze veröffentlichen.

Bei der Methode "Zwei Stühle zur Erinnerung" handelt es sich um eine Übung zum Einstieg ins Thema (nationalsozialistischer) Antisemitismus. Die Übung dient dazu, einen ersten Eindruck zu gewinnen, wie in Familie und Gesellschaft Erinnerungen an die NS-Zeit weitergegeben werden. Die Jugendlichen sprechen in wechselnden Paaren für einige Minuten über Fragen zum Thema. Um ein Gespräch zu beenden, über das Erfahrene für sich selbst nachzudenken und zur nächsten Frage überzuleiten, wird Musik (und nicht Tanz!) eingesetzt.

Die Unterrichts- und SeminarteilnehmerInnen vor Verletzungen zu schützen, ist eines unserer wichtigsten Anliegen und sollte die Grundlage jeglicher pädagogischer Arbeit sein. Bei der Entwicklung und Erprobung unserer Methoden haben wir laufend reflektiert, wo Verletzungsrisiken bestehen, und uns erst nach sorgfältiger Abwägung zur Veröffentlichung entschlossen.

Bei der Methode "Zwei Stühle zur Erinnerung" bleiben die kurzen Gespräche erfahrungsgemäß noch sehr oberflächlich. Wir haben bisher bei ihrem Einsatz nicht erlebt, dass die Teilnehmenden emotional stark aufgeladene Geschichten erzählen. Jugendliche (auch aus Familien von NS-Verfolgten) sind unseren
Erfahrungen nach durchaus in der Lage, bewusst oder intuitiv zu entscheiden, ob und was sie wem und wann über sich und ihre Familie erzählen.

Wir trauen den PädagogInnen zu, entscheiden zu können, mit welcher Gruppe sie unsere Methoden einsetzen und ob sie dadurch hervorgerufene Emotionen auffangen können. Ebenso gehen wir davon aus, dass die LehrerInnen und PädadogInnen, die mit unseren Methoden arbeiten, über ein fundiertes Wissen zu Antisemitismus verfügen, die Methoden sorgfältig auswählen, sich gründlich auf die Durchführung vorbereiten und die Übungen verantwortungsbewusst anleiten.

Unsere Methoden wurden über mehrere Jahre hinweg in einem interdisziplinären Team entwickelt, das über langjährige Erfahrungen in der politischen Bildung verfügt und sich lange mit dem Thema Antisemitismus
beschäftigt hat. Wir haben die Methoden in einer großen Zahl an Seminaren mit ganz unterschiedlichen Gruppen von Jugendlichen und Erwachsenen erprobt, sie in der Fachöffentlichkeit zur Diskussion gestellt und anhand der so gewonnenen Erkenntnisse weiterentwickelt. Nach wie vor sind wir davon überzeugt, dass unsere Publikation einen wichtigen und wertvollen Beitrag für die politische Bildung gegen Antisemitismus leistet.

Die HerausgeberInnen und AutorInnen

BildungsBausteine gegen Antisemitismus
Bildungsteam Berlin-Brandenburg e.V.
tacheles reden! e.V.

Berlin, 18.01.2008


» Die Stellungnahme als PDF (63 KB) herunter laden

__________________________________________________________________________________________

Publikation der "BildungsBausteine gegen Antisemitismus" erschienen

Im Rahmen unserer Kooperation mit dem Bildungsteam Berlin-Brandenburg haben wir "BildungsBausteine gegen Antisemitismus" für Schule, Jugend- und Erwachsenenbildung entwickelt, die als Handreichung für pädagogische Fachkräfte allen Interessierten zur Verfügung gestellt werden. Das Buch mit CD-ROM mit den von uns entwickelten Materialien, Methoden und Konzepte , ist seit Herbst 2007 endlich im Buchhandel erhältlich:




Hrsg.: Bildungsteam Berlin-Brandenburg e.V./ Tacheles Reden! e.V.

Verlag an der Ruhr, 2007
156 Seiten, A4, Paperback, CR-ROM
24,50 Euro (D)
ISBN: 3-8346-0158-6
ISBN-13: 9783834601582

Schulformen: Jugendarbeit, Sek I, Sek II, Berufsschule
Schulfächer: Geschichte, Gesellschaftslehre, Politik, Religion, Sozialkunde, Sozialwissenschaften/Politik, Projektunterricht
Altersstufen: 12-19

» Inhaltsverzeichnis (PDF, 49 KB)